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Die ewige Lust am Strafen

Wenn wir über Gewalt und Aggression gegen Hunde schreiben, bewegen wir uns in einem emotionalen und fachlich komplexen Feld. Genau deshalb haben wir – Doris Böhm und Catharine Reichel– uns, nach Auseinandersetzung mit dem Thema, bewusst gegen einen gemeinsamen „verschmolzenen“ Text, wie geplant entschieden und stattdessen für zwei klar abgegrenzte Perspektiven: Pädagogik und Therapie!

 

Nicht, weil wir unterschiedlicher Meinung sind, sondern weil Komplexität Klarheit braucht. Therapie fragt nach dem inneren Erleben und nach Regulationsprozessen, „Lösungen“ in der Psyche. Pädagogik beleuchtet den Beziehungs- und Lernrahmen sowie die Verantwortung des Menschen. Beides gehört zusammen, ist aber nicht dasselbe.

 

Indem wir beide Sichtweisen nebeneinanderstellen, schaffen wir Differenzierung statt Vermischung und laden dazu ein, Aggression und Gewalt gegen Hunde vielschichtig und verantwortungsvoll zu betrachten. Und vielleicht ist genau das in einer oft polarisierten Diskussion der eigentliche Gewinn: Raum für differenziertes Denken statt für einfache Antworten.

 

 Das Bedürfnis, Hunde durch Bestrafung zu kontrollieren, ist tief in veralteten Überzeugungen und Mythen der Hundewelt, sowie in psychologischen Mechanismen verwurzelt.

 

Angefangen von der Dominanztheorie, bei der viele noch immer glauben sie müssen der „Rudelführer sein“ und ihr Hund hat sich zu unterwerfen, bis hin zu Mangel an Wissen über hündische Kommunikation und Lerntheorie. Menschen greifen in diesen Fällen oft auf instinktive, maßregelnde Reaktionen und Mechanismen zurück.

 

Es ist doch auch so dass die wenigsten Menschen auf die Idee kommen, würden ihre Kinder dermaßen zu behandeln. So werde ich in diesem Blog die emotionale Seite der Strafenden und der Bestraften etwas beleuchten.

 

Aus Sicht der Menschen die Strafen einsetzen ist ein anderer Trainings-/Erziehungsansatz wenig bis überhaupt nicht hilfreich.

 

Aber woher kommt diese Annahme eigentlich?

1️⃣ Zum Ersten ist es, weil sie behaupten es war immer schon so und es funktionier ja auch.

2️⃣ Zum Zweiten sie kommen aus einem Umfeld in der Gewalt, woher auch immer als „Normal“ empfunden wird.

3️⃣ Und schlussendlich drittens, der Hund fordert auf Grund seines Verhaltens die Strafe ja augenscheinlich ein, also der Hund ist selbst schuld das er so behandelt wird.

 

Aus Sicht des „Täters“ ist sein Verhalten richtig. „Der/die hat es ja nicht anders verdient!“

 

Aus Sicht des misshandelten Opfers, wird es sich ehrfürchtiger unterwürfiger verhalten mit dem Wissen und der Angst im nächsten Moment wieder etwas Falsches zu tun und damit dem Peiniger wieder in Rage zu bringen. Die Folgen dieser Misshandlungen sind völlige Aufgabe der eigenen Bedürfnisse und eine Hilflosigkeit, die in posttraumatischen Verhaltensstörungen mündet. Viele dieser Opfer kommen ohne fremde Hilfe aus diesem Teufelskreis nicht heraus.

 

Genauso ergeht es unseren Hunden, die mit aversiven Erziehungsmethoden zu tickenden Zeitbomben werden. Einen sozial verträglichen Hund werden wir so nicht erhalten, aber einen der in ständiger Angst vor weiteren Misshandlungen lebt. Das so ein Leben für kein Lebewesen erstrebenswert ist und wir Menschen keinerlei Recht haben einem Lebewesen Gewalt anzutun sollte 2026 überhaupt nicht mehr zur Diskussion stehen.

 

Wenn wir uns für einen Hund entscheiden,

entscheiden wir uns auch die Verantwortung für ein glückliches und freudvolles Leben für dieses Wesen zu übernehmen. Dazu gehört eine gewaltfreie Erziehung. Hunde die Aggressionsverhalten in welcher Form auch immer zeigen haben in ihrem Leben ein Trauma erlitten und gehören deswegen nicht in Hände, die dieses Trauma nicht erkennen und mit weitern traumatisierenden Trainingsmethoden die Situation für sie noch weiter verschlimmern.

 

Derartige Trainingsmethoden führen nur dazu das diese Hunde gebrochen werden und nie wieder irgendein Verhalten aus Eigeninitiative zeigen werden (erlernte Hilflosigkeit).

 

Was ist eigentlich ein Fehlverhalten, wer bestimmt das?

Hunde, also auch andere Tiere kennen in ihrer Matrix kein Fehlverhalten, denn das was sie tun und zeigen ist in deren Welt die sinnvollste Reaktion für diesen Moment im Hier und Jetzt. Für das Tier eine völlig natürliche Reaktion, logisch und sinnvoll, für uns eventuell ein „Fehlverhalten“. Will ich meinem Hund verstehen ist es unerlässlich mich mit dem Lebewesen Hund auseinander zu setzen und dessen Sprache, seine natürlichen Verhaltensweisen sowie das Lernverhalten zu verstehen.

 

Leider wissen viele Hundebesitzer gerade mal, dass er vorne bellt und hinten wedelt, das ist aber für ein harmonisches Miteinander viel zu wenig. Deshalb ist es meiner Meinung nach für jeden Hundehalter unerlässlich sich in Sachen Hunde fortzubilden um gemeinsam, den schönen Weg den es mit jedem Hund geben kann zu gehen.

 

Liebe Leser, liebe Leserin, ich kann ihnen aus sehr langer Erfahrung mit Hunden sagen, dass Hunde aller Art mit fairen Trainingsmethoden nachhaltiger und am leichtesten lernen, wenn man ihnen zeigt, was wir von ihnen wollen und nicht wenn wir mit Methoden arbeiten die auf unangenehme und schmerzhafte Weise zeigen welches Verhalten wir nicht wollen.

 

Als Ergänzung zu diesem Text über die Lust am Strafen habe ich meine geschätzte Kollegin und Kooperationspartnerin Mag. Catharine Reichel gebeten, ihre Gedanken aus der Sicht der Psychologischen Beraterin zu "Aggression und Hemmung" mit uns zu teilen. Sie finden den Text etwas weiter unten. 

 

Doris Böhm

Ganzheitlich orientierte Hundeverhaltenstrainerin

Assistenzhundetrainerin THL
Therapiebegleithundeprüferin 

 

www.vöht.at/doris-boehm

www.mit-hund-gluecklich.at

 

Aggression und Hemmung

Was geschieht am anderen Ende der Leine?

Wenn wir über „aggressive Hunde“ sprechen, lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten. Denn Hunde leben nicht im luftleeren Raum. Sie leben mit uns, in einem sozialen Gefüge – in unseren Gesellschaften, in unseren Regelwerken, in unseren Ängsten.

 

Auch wir Menschen organisieren uns über Gebote und Verbote. Öffentliche Räume sind reglementiert, Hundezonen ausgewiesen, Maulkorb- und Leinenpflicht geregelt. Hinter vielen dieser Maßnahmen steht ein implizites Credo: Jeder Hund könnte eine Gefahr darstellen. Der Diskurs ist stark von Risikoabschätzung geprägt – von der Angst vor Verletzung, vor Kontrollverlust, vor dem „bösen Wolf“.

 

In diesem Klima verschiebt sich der Fokus schnell auf Kontrolle und Domestizierung: Der Hund muss erzogen, beherrscht, im Griff gehalten werden.

 

Doch aus therapeutischer Sicht wissen wir: Der Blick auf das Gegenüber erzählt oft mehr über uns selbst als über den anderen. Zuschreibungen wie „der ist aggressiv“, „der könnte gefährlich werden“, „ich muss aufpassen“ entstehen nicht im luftleeren Raum. Was wir im Außen wahrnehmen und bekämpfen, hat häufig eine innere Entsprechung. Der alte Satz „Was Peter über Paul sagt, sagt mehr über Peter als über Paul“ trifft auch hier zu.

 

Bereits 2002 hat Patricia McConnell in ihrem Buch Das andere Ende der Leine diesen Perspektivenwechsel beschrieben: Es sei kein Buch über Hundeerziehung, sondern über Menschenerziehung. Und noch früher hat Turid Rugaas betont, dass Hunde nicht primär „zu erziehen“, sondern zu verstehen sind. Nicht der Hund muss unsere Sprache lernen – wir müssen seine lernen. Doch übergehen und missverstehen viele ihre Hunde durch die artübergreifende Kommunikation - Primaten versus Caniden - immer noch!

 

Hunde sind hochsoziale Lebewesen. In ihren eigenen sozialen Gefügen zeigen sie oft deutlich weniger eskalative Aggression als wir Menschen in unkontrollierten Kontexten. Dennoch delegieren wir im heutigen Diskurs das Thema Aggression fast ausschließlich an ein Ende der Leine: an den Hund.

 

Dabei lohnt der Blick auf das andere Ende.

 

HUND UND MENSCH - EIN BEZIEHUNGSSYSTEM

 

Hunde lernen über Lernmodelle, zum Beispiel Konditionierung. „Do as I do“ ist kein Schlagwort, sondern gut erforschte Realität. Sie beobachten, imitieren, reagieren. Gleichzeitig sind sie uns in der Wahrnehmung nonverbaler Signale weit überlegen. Sie lesen Körpersprache, minimale Muskelbewegungen, Spannungszustände. Sie reagieren sogar auf physiologische Veränderungen - chemischer Botenstoffe wie Cortisol, Adrenalin und Blutzuckerschwankungen und Veränderungen im Herz-Kreislauf-System des Menschens.

 

Ein Hund agiert daher nie isoliert. Er ist Teil eines Mensch-Hund-Systems. Seine Reaktionen sind immer auch Beziehungsgeschehen.

 

Vor diesem Hintergrund lassen sich unterschiedliche Dynamiken beobachten.

 

Typ 1: Die offene Aggression – „Wie der Herr so das Gscherr“

Es überrascht wenig, wenn ein nach vorne gehender, pöbelnder Hund einen Halter hat, der selbst schnell auf Konfrontation geht. Wenn sich jemand nähert, wird gebellt – manchmal von beiden. 

 

Hier entsteht eine gleichgeschaltete Bewegung. Der Hund übernimmt die Haltung des Menschen. Das aggressive Auftreten wird unter Umständen sogar gewünscht und belohnt – als „Schutzverhalten“, als Zeichen von Loyalität.

 

In dieser Konstellation stabilisieren sich Mensch und Hund gegenseitig. Der Hund wird Teil eines narzisstisch aufgeladenen Duos: „Wir sind halt so.“ Die Aggression ist offen sichtbar – auf beiden Seiten der Leine, hat aber negative Auswirkungen auf das Stresssystem des Hundes und in Folge auf seine Gesundheit. Der Canide aus sich heraus deeskaliert grundsätzlich, statt Konflikte zu suchen.

 

Typ 2: Die delegierte Aggression

Deutlich häufiger erleben wir heute eine andere Dynamik. Offene Aggression ist gesellschaftlich weniger akzeptiert. Menschen unterliegen sozialen Normen. Man pöbelt nicht einfach los.

Was geschieht mit Aggression, wenn sie nicht gelebt werden darf?

Sie verschiebt sich.

 

In manchen Konstellationen wird sie auf den Hund übertragen. Der Hund übernimmt die Rolle des Aggressions-Trägers – er bellt, er geht nach vorne, er reagiert explosiv. Gleichzeitig wird genau dieses Verhalten am Hund dann bestraft.

 

Der Hund wird zum Stellvertreter: Er trägt die Aggression und bekommt sie gleichzeitig ab.

 

Hier greifen schnell alte Erziehungsmaßnahmen – aversive Techniken, negative Konditionierung, Einschüchterung. Was wir im menschlichen Kontext längst als „schwarze Pädagogik“ kritisiert haben, kehrt im Hundetraining wieder: Wenn er nicht hört, wird er korrigiert. Wenn er zieht, wird an der Leine geruckt, gerissen, auch wenn das nach dem Tierschutzgesetz verboten ist. Wenn er bellt, wird er gemaßregelt. Druck erzeugt immer Gegendruck!

 

Psychodynamisch betrachtet ist das funktional: Der Mensch kann seine eigene Aggression erleben – legitimiert durch die „Erziehung“ des Hundes.

 

Für den Hund bedeutet es massiven Stress, Beziehungsunsicherheit und Ambivalenz.

 

Typ 3: Die gehemmte Aggression – der „peinliche“ Hund

Die vielleicht häufigste Konstellation finden wir bei Menschen, die mit einem „problematischen“ Hund ins Training kommen.

 

Der Hund bellt an der Leine, reagiert laut, fällt auf. Der Halter schämt sich. Man wünscht sich einen unauffälligen, freundlichen Begleiter. „Nur nicht negativ auffallen.“

Hier wird es psychologisch besonders interessant.

 

Was ist mit der Aggression dieser Menschen? Oft handelt es sich nicht um aggressive Persönlichkeiten, sondern um stark gehemmte oder unterdrückte. Eigene Wut, Abgrenzung oder Durchsetzungsimpulse werden kaum gelebt. Konflikte werden vermieden. Grenzen werden nicht klar formuliert.

 

Der Hund reagiert jedoch auf Inkongruenz bei seinem Menschen. Auf die Spannung zwischen innerem Impuls und äußerer Hemmung. Er spürt die physiologische Aktivierung – auch wenn der Mensch nach außen freundlich bleibt.

 

Wenn wir davon ausgehen, dass Hunde selten grundlos oder unmotiviert aggressiv sind, sondern in Beziehung reagieren, dann wird deutlich: Der Hund trägt hier möglicherweise die nicht gelebte Abgrenzung seines Menschen, erlebt die Ambivalenz, ist oder wird verunsichert und es schadet der Beziehung zum Bindungspartner Menschen. Der Hund kann nicht vertrauen, bekommt keinen Schutz, den er aber in manchen Situationen benötigen würde.

 

Im Training geht es dann nicht nur darum, dem Hund das Bellen abzugewöhnen. Sondern darum, zu unterscheiden:

  • Was ist normale hündische Kommunikation?
  • Was ist echte Eskalation?
  • Und wo braucht der Mensch selbst mehr Klarheit?
  • Wo braucht mein Hund Schutz oder Unterstützung.

 

Ein Hund darf bellen. Bellen ist Kommunikation. Nicht jede Lautäußerung ist ein Angriff, Aggression.

 

Vielleicht geht es vielmehr darum, dass Halter lernen dürfen, selbst Grenzen zu setzen:

 

„Kommen Sie bitte nicht so nahe.“

„Mein Hund braucht Abstand.“

„Ich brauchen Abstand.“

 

Nicht der Hund muss die gesamte Abgrenzungsarbeit übernehmen.

 

Paradigmenwechsel – und Rückschritte

In den 1980er Jahren begann ein Umdenken im Hundetraining: Weg von Dominanz und Unterwerfung, hin zu Beziehung, Kommunikation und Verständnis, positives Hundetraining, Belohen & Bestärken! Vieles davon ist gut belegt und aufgeklärt.

 

Doch aktuelle gesellschaftliche Verunsicherung erzeugt ein neues Kontrollbedürfnis. In unsicheren Zeiten wächst der Wunsch, zumindest etwas beherrschbar zu machen. Der Hund wird dabei leicht zum Projektionsfeld.

 

Anstatt uns mit unserer eigenen Aggression oder Aggressionshemmung auseinanderzusetzen, arbeiten wir uns am „aggressiven Hund“ ab.

 

Doch wer das Beziehungssystem nicht betrachtet, trainiert „behandelt“ Symptome. Ein nachhaltiger Paradigmenwechsel bedeutet daher nicht nur neue Trainingsmethoden. Er bedeutet Selbstreflexion.

 

Wer hält hier eigentlich wen an der Leine und wozu?

Der Blick auf das andere Ende der Leine ist kein moralischer Vorwurf.

 

Er ist eine Einladung. Denn erst wenn wir verstehen, welche Funktionen ein Hund in unserem psychischen Gefüge übernimmt – als Beschützer, als Begleiter, als Partner, als Helfer, als Stellvertreter, als Sprachrohr, als Träger gehemmter Affekte… – können wir Training wirklich beziehungsorientiert und bereichernd für alle Beteiligten gestalten.

 

Und vielleicht ist genau das der eigentliche Paradigmenwechsel:

Nicht mehr den Hund kontrollieren zu wollen, sondern uns selbst besser zu verstehen. Der Hund als helfender Team-Partner.

 

Anzuerkennen, dass es sich in Mensch-Hund Beziehungen immer um gleichwürdige Partner auf Augenhöhe handelt. Besonders klar zeigt sich dies in einer guten Therapiebegleithunde-Arbeit. Das Mensch-Hund-Team beeinflusst, reguliert sich, ergänzt sich und unterstützt sich gegenseitig, wenn der Rahmen dazu geöffnet wird.

 

Mag. Catharine Reichel 

meDOGs.netichCOACHdich.net

 

 

Warum leckerchen nicht alles sind

Dieser Beitrag ist Teil unserer Blogparade "Warum Leckerchen nicht alles sind"

Foto: pixabay

Anmerkung der VÖHT:

Die Blogtexte geben die individuelle Meinung und Herangehensweise der Autorin, des Autors wieder.