Der erwachsene Hund


Wenn’s nicht rund läuft … - vom Umgang mit unerwünschten Verhaltensweisen

© Isabelle Grubert - Photography
© Isabelle Grubert - Photography

Plötzlich ist der Welpe erwachsen, strotzt vor Kraft und Energie und jeder Spaziergang wird zum Spießrutenlauf? Der Tierschutzhund hat seine Beschreibung im Internet leider nicht gelesen und ist „verhaltensoriginell“? WAS NUN?

 

Ein Hundetrainer muss her – und das schnell, denn jedes Mal, wenn ein unerwünschtes Verhalten auftritt „übt“ das Tier – und zwar leider nicht das, was der Mensch sich wünscht!

 

Um einen wirklich qualifizierten Hundetrainer zu finden, sollten Sie Folgendes beachten:

  • „Hundetrainer“ ist man in 5 Minuten – man muss nur einen Gewerbeschein lösen und los geht’s, ohne dass man je einen Hund aus der Nähe gesehen haben muss.
  • Welche Qualifikationsnachweise kann der Trainer vorweisen? Hat er eine Hunde- oder Tiertrainerausbildung absolviert? Wenn ja: Waren die Ausbildenden qualifiziert? Wurde ausreichend praktische Erfahrung erworben?
    Achtung: Eine lange Liste von besuchten (gratis) Vorträgen ist KEINE adäquate Ausbildung, sondern bestenfalls eine Fortbildung!
  • Finger weg von „Autodidakten“, die ihnen IHR persönliches System anpreisen! Training folgt Gesetzmäßigkeiten, die gut erforscht sind – dazu braucht niemand ein „persönliches“ System!
  • Rudel- und Dominanztheorien sowie Training, das auf Strafe basiert sind im Training nicht mehr zeitgemäß und u.U. sogar tierschutzwidrig – beachten Sie das Tierschutzgesetz!
    Achtung: Strafe ist alles, was das Tier als Strafe empfindet. Bei sensiblen Tieren und Tieren mit schlechten Erfahrungen reicht da u.U. schon ein unfreundliches „Nein“ oder ein böser Blick!
  • Hundesportvereine sind auf Hundesport und Leistungsprüfungen in bestimmten Bereichen spezialisiert und – auch wenn es dort gute Trainer gibt – unter Umständen nicht die erste Adresse bei unerwünschtem Verhalten.
  • Ein Hundetrainer ist kein Tierarzt und umgekehrt! Ihr Tierarzt ist Ihr kompetenter Ansprechpartner für medizinische Fragen und Ihr Hundetrainer für Trainingsfragen! Bei echten Verhaltensstörungen sollten Trainer und Tierarzt Hand in Hand arbeiten!

Vor dem ersten Trainingstermin schreiben Sie möglichst alles auf, was Ihnen am unerwünschten Verhalten Ihres Hundes auffällt – das erleichtert es dem Trainer, die Ursache des Verhaltens und somit auch mögliche Lösungsstrategien zu finden. Details können sein:

  • In welchen Situationen tritt das unerwünschte Verhalten auf? Was GENAU löst es aus?
    Wenn der Hund z.B. den Staubsauger anbellt, kann es der Staubsauger an sich sein, oder auch der Lärm oder auch die Bewegung der Saugvorrichtung oder alles zusammen.
  • Wie häufig, wie lange, in welcher Intensität, mit welcher Verzögerungszeit tritt das Verhalten auf?
  • Was passiert direkt vor und direkt nach dem unerwünschten Verhalten? Wer ist anwesend? Wer macht was? Was wurde schon alles ausprobiert? Das ist besonders wichtig, denn i.d.R. verursacht nicht der Reiz an sich das unerwünschte Verhalten, sondern meist die Konsequenzen!
  • Was hält das Verhalten aufrecht – welche (Re-)Aktionen aus der Umwelt kommen zum Tragen?
    Bellt der Hund, weil er gelernt hat, dass er dadurch die Aufmerksamkeit seines Menschen bekommt, wird Schimpfen das Bellen weiter verschlimmern, denn durch Schimpfen erhält das Tier die gewünschte Aufmerksamkeit.

Bis Sie mit der Therapie oder dem Training zur Verhaltensveränderung beginnen können

  • sollten Sie ihren Hund KEINESFALLS (auch nicht „mild“) bestrafen, denn Strafe kann Aggressions- und Angstverhalten auslösen oder verstärken.
  • Gestalten Sie die Umwelt für den Hund möglichst stressarm.
  • Sorgen Sie für Sicherheit der betroffenen Menschen und ggf. anderer betroffener Tiere.
  • Erzwingen Sie nichts.
  • Etablieren Sie Ruhezonen und sorgen Sie dafür, dass der Hund ausreichend schläft.
  • Wenn möglich beschäftigen Sie den Hund ruhig mit einfachen Such- und Kauspielen oder mit belohnungsbasiertem Training einfacher Übungen. Dadurch bekommt ihr Hund Vertrauen und zusätzlich erhöhen Sie sein Verhaltensrepertoire – beides wirkt sich in der nachfolgenden Intervention positiv aus.

Bedenken Sie immer: Ihr Hund ist weder stur noch dumm und schon gar nicht dominant! Hunde tun – wie wir Menschen auch – was sich bisher irgendwie für sie gelohnt hat!

 

Unerwünschte Verhaltensweisen durch Strafe „abzustellen“ verschlimmert i.d.R. die Situation. Unterdrücktes Verhalten findet seinen Weg – so wie der Dampf in einem Druckkochtopf! Und man weiß nie, wann es – unerwartet und heftig – wieder zum Vorschein kommt.

 

Jedes unerwünschte Verhalten hat eine Ursache, der es auf den Grund zu gehen gilt, und wird durch Verstärker aufrechterhalten, die gefunden werden müssen. Erwünschte Zielverhalten sollten definiert werden. Gut durchdachte Trainingspläne sind wertvolle Helfer in der belohnungsbasierten Verhaltensmodifikation.